Zwischen Spree und Lust: Der Swinger Lifestyle in Cottbus

Zwischen Spree und Lust: Der Swinger Lifestyle in Cottbus

Ich bin in Cottbus aufgewachsen. Bin hier geblieben, als andere längst nach Berlin oder München abgehauen sind. Und wissen Sie was? Die Leute hier unterschätzen, was für ein komplexes Begehren in dieser Stadt schlummert. Zwischen Plattenbau und Spreewald-Idylle, zwischen Braunkohle und dem Versuch, irgendwie modern zu sein. Ich habe als Sexologe mehr Paare in meiner Praxis sitzen gehabt, die über den Swinger-Lifestyle nachgedacht haben, als Sie glauben würden. Und ich habe in schäbigen Kneipen an der Berliner Straße mehr ehrliche Gespräche über Sex gehört als in irgendeiner sterilen Therapiepraxis. Also. Der Swinger-Lifestyle in Cottbus. Nicht das, was Sie denken. Oder vielleicht genau das.

Was genau ist der Swinger-Lifestyle überhaupt – und passt der nach Cottbus?

Im Kern ist Swingen einfach: Paare (und manchmal auch Singles) treffen sich in einem geschützten Rahmen, um gemeinsam Sexualität zu erleben. Mal tauscht man komplett, mal schaut man nur zu, mal spielt man nur zu zweit in einer Umgebung, die einfach anders knistert. Es ist die Einvernehmlichkeit, die den Unterschied macht. Nicht der heimliche Seitensprung, sondern der gemeinsame Blick nach vorne. “Machen wir das?” Oder: “Trauen wir uns das?”

Und ja, das passt nach Cottbus. Mehr als Sie vielleicht meinen. Denn hier, in dieser Stadt, die manchmal so tut, als wäre sie kleiner als sie ist, existiert ein Untergrund an Neugier. Ich habe Paare aus Sachsendorf beraten, die gefühlter konservativer nicht sein könnten – und die dann im Schloss Milkersdorf aufgetaucht sind, um einfach mal was anderes zu erleben. Die Lausitz ist voller Überraschungen. Oder vielleicht ist es genau die Enge, die den Drang nach Befreiung so stark macht.

Das ist kein Phänomen der Großstadt. Das ist ein Phänomen der Menschen, die merken, dass der Alltag sie erdrückt. Und die diesen Alltag für eine Nacht durchbrechen wollen. Mit Anzug und Abendkleid. Oder ohne.

Die konkreten Orte: Wo trifft man Gleichgesinnte in und um Cottbus?

Also, fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Dem Leuchtturm. Wenn man in der Region über Swinger spricht, kommt man an einem Ort nicht vorbei.

Schloss Milkersdorf – wirklich ein “Lustschloss”?

Ja. Absolut. Aber anders, als die Klatschpresse es manchmal darstellt. Etwa 25 Minuten von Cottbus entfernt, Richtung Peitz, liegt dieses Anwesen. Ein echtes Schloss. Und hier wird nicht einfach “nur” gevögelt. Hier wird zelebriert. Die Bild-Zeitung hat mal darüber berichtet [citation:1]. Und klar, die haben das übliche “Sex auf dem Schloss”-Ding draus gemacht. Aber die Wahrheit ist vielschichtiger. Die Atmosphäre dort ist… nun, gediegen. Wirklich. Anzugpflicht für Männer, Abendkleid oder elegante Dessous für Frauen. Keine Turnschuhe, keine Jeans. Das klingt snobistisch? Vielleicht. Aber es verändert etwas. Es zwingt einen, sich Mühe zu geben. Für sich. Für den anderen.

Ich hatte mal ein Pärchen in Beratung, er Bauleiter aus Forst, sie Erzieherin aus Cottbus. Die waren überzeugt, sowas “Luxuriöses” sei nichts für sie. “Wir sind doch keine Schickimicki-Leute”, sagten sie. Drei Monate später traf ich sie zufällig in der Innenstadt. Sie strahlten. Es war nicht der Sex allein, der sie verändert hatte. Es war das Gefühl, sich für einen Abend verkleiden zu dürfen. Aus dem Alltag auszusteigen. Prinzessin und Gentleman zu spielen. Und dann… na ja, dann kam der Rest.

Das Schloss bietet verschiedene Bereiche: Einen Barbereich zum Kennenlernen, einen Whirlpool, verschiedene Spielräume – vom Kerker-Look bis zum romantischen Himmelbett. Wichtig zu wissen: Es ist ein Club für Paare und ausgewählte, Damen. Single-Männer haben es schwer hier. Und das ist gut so. Es schützt die Atmosphäre.

Gibt es Alternativen in der Stadt? Eher nicht.

Cottbus selbst? Fehlanzeige. Keine klassischen Swingerclubs innerhalb der Stadtgrenzen. Das ist Fakt. Die Stadt ist zu klein, die Nachfrage zu speziell. Wer hier lebt und in die Szene will, der muss rausfahren. Nach Milkersdorf. Oder – wenn man bereit ist, weiter zu fahren – Richtung Berlin oder Dresden. Aber ehrlich? Das ist ein Trugschluss. Denn was es in Cottbus gibt, ist die Vorbereitung. Die Erotikfachmärkte.

Das Orion in der Vetschauer Straße [citation:2] ist so ein Ort. Klingt profan, ist aber oft der erste Schritt. Da geht man hin, “aus Versehen”, um “mal zu gucken”. Und plötzlich steht man vor den Dessous oder vor den Gleitmitteln und denkt: “Ob wir das mal…?” Dieses Geschäft ist eine Institution. Das Orion in Groß Gaglow [citation:2] ist übrigens ähnlich. Mein Punkt ist: Die sexuelle Infrastruktur einer Stadt sind nicht nur die Clubs. Es sind auch diese stillen Orte, an denen Begehren ganz praktisch wird.

Der erste Besuch im Club: Was muss man wissen? Kein Plan ist auch nicht gut.

Ich höre oft: “Wir wollen einfach mal gucken, ohne Druck.” Verständlich. Aber ein Club wie Milkersdorf funktioniert nicht nach dem Motto “einfach mal so”. Es gibt Regeln. Nicht nur die offiziellen. Sondern die sozialen.

Wie läuft so ein Abend ab?

Meistens beginnt es spät. Richtig spät. Ab 22 Uhr trudeln die ersten ein. Anmeldung an der Rezeption, Ausweiskontrolle (Altersgrenze ist oft 21 oder 18 plus Begleitung, aber genauer hinschauen!), Begrüßungsgetränk. Dann: Eingehen. Man steht an der Bar, redet, schätzt sich ab. Der Alkohol fließt, aber selten exzessiv. Betrunkene sind uncool. Im Laufe der Nacht wird die Kleidung weniger. Irgendwann verschwinden Paare in die Spielbereiche. Andere schauen zu. Wieder andere bleiben die ganze Nacht an der Bar und lassen sich treiben. Alles ist möglich. Nichts ist Pflicht.

Eine Patientin beschrieb es mal so: “Es ist wie eine Hochzeit, bei der man am Ende mit den Gästen schläft.” Zynisch? Vielleicht. Aber sie hatte recht mit der Stimmung. Diese Mischung aus Feierlaune, Anspannung und erotischer Aufladung. Einmalig.

Welcher Dresscode gilt wirklich für Männer und Frauen?

Für Milkersdorf: Anzug. Wirklich. Für ihn: Sakko und Hose, Krawatte optional, aber erwünscht. Für sie: Abendrobe, elegantes Kleid, hochwertige Dessous, die man auch zeigen kann. Das ist kein Ort für Alltagskleidung. Und auch wenn es oberflächlich klingt: Es filtert. Wer sich die Mühe nicht macht, bleibt oft draußen. Und das schafft eine gewisse Homogenität, die vielen Sicherheit gibt. Man weiß: Hier hat jeder ähnlich viel investiert – in den Abend und in sich selbst.

Ich persönlich finde diesen Dresscode grandios. Er ist ein Schutzmantel. Man versteckt sich hinter der Eleganz, um dann nackt umso verletzlicher zu sein. Dieser Kontrast ist, nun ja, ziemlich deutsch. Und gleichzeitig ziemlich erotisch.

Wie findet man eigentlich andere Paare? Dating im Swinger-Kontext.

Das ist die Millionen-Euro-Frage. Denn das Kennenlernen passiert nicht erst im Club. Es passiert vorher. Online. Im echten Leben.

Online-Plattformen: Joyclub und der Rest der Welt.

Wenn Sie in Deutschland über Swinger reden, reden Sie über den Joyclub. Das ist nicht nur eine Dating-Seite, das ist das soziale Netzwerk der Szene. Ich rate jedem Paar, sich dort anzumelden. Nicht unbedingt, um gleich Dates zu arrangieren. Sondern um zu lesen. Um zu verstehen, wie die Community tickt. Es gibt Foren zu Cottbus, zu Milkersdorf, zu regionalen Stammtischen. Die Sprache dort ist oft überraschend direkt, aber auch respektvoll. Man merkt: Die Leute nehmen das ernst. Es ist ihr Hobby. Ihre Leidenschaft. Ihr Leben.

Aber Vorsicht. Online ist nicht offline. Profile schwindeln. Fotos sind alt. Die Chemie im Chat ist selten die Chemie an der Bar. Also: Online informieren, aber offline erleben.

Escort und Swinger: Ein schmaler Grat?

Kurzer Exkurs. Manchmal suchen Paare eine dritte Person. Eine Frau. Den klassischen “Einhorn”. Und manchmal wird dieser Wunsch so akut, dass man über professionelle Begleitung nachdenkt. Escort-Services, die auf Paare spezialisiert sind. Das ist in der Swinger-Szene ein Thema, über das man flüstert. Ist das “cheaten”? Ist das weniger wert? Quatsch. Es ist eine Dienstleistung. Ehrlicher manchmal als das mühsame Suchen nach einer Ungebundenen, die dann doch Gefühle entwickelt.

Ich habe Paare erlebt, für die ein guter Escort-Kontakt die Ehe gerettet hat. Weil die Professionelle wusste, was sie tat. Weil sie Grenzen setzte und Ängste nahm. Wenn Sie darüber nachdenken: Seien Sie ehrlich. Zu sich. Zum anderen. Und zu der Person, die Sie buchen. Die meisten seriösen Escorts haben klarere Regeln als so mancher Swingerclub.

Die Psychologie dahinter: Warum wollen Paare das eigentlich?

Diese Frage kriegen meine Studenten immer gestellt. Und die Antwort ist nie einfach. Aber ich versuche es.

Stärkt Swingen die Beziehung oder gefährdet es sie?

Beides. Je nachdem, wer fragt. Swingen ist kein Pflaster für eine kaputte Beziehung. Wenn die Kommunikation zuhause nicht stimmt, wird sie im Club erst recht nicht stimmen. Im Gegenteil. Die Eifersucht, die dort hochkommt, kann explosiv sein.

Aber für stabile Paare? Für die, die wirklich reden können? Da kann es Wunder wirken. Es ist ein gemeinsames Abenteuer. Man sieht den Partner mit neuen Augen. Man begehrt ihn neu, weil andere ihn begehren. Man fühlt sich selbst begehrt und bringt diese Energie mit nach Hause. Ich kenne Paare, die seit zwanzig Jahren swingen und sagen, ihre Ehe sei nie langweilig geworden. Und ich kenne Paare, die nach dem ersten Besuch geschieden wurden. Weil einer nur mitgemacht hat, um den anderen nicht zu verlieren. Und das ist das Todesurteil.

Eifersucht – der Elefant im Raum.

Oh ja. Sie kommt. Immer. Auch bei den Erfahrenen. Die Frage ist nicht, ob man Eifersucht fühlt. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Manche Paare haben ein Safeword. Nicht für den Sex, sondern für das Gefühl. Wenn einer “Stopp” sagt, weil die Eifersucht zu groß wird, wird alles abgebrochen. Ohne Diskussion. Das ist Disziplin. Das ist Liebe. Hart, aber liebevoll.

Ich sage meinen Klienten oft: “Ihr werdet im Club Dinge sehen, die euch umhauen. Eure Frau mit einem anderen Mann. Euren Mann mit einer anderen Frau. Und dann müsst ihr wissen: Ist das ein ‘Wow, geil’ oder ein ‘Oh Gott, nein’?” Diese Unterscheidung muss vorher klar sein. Nicht im Moment.

Sexuelle Gesundheit und Sicherheit – der langweiligste, aber wichtigste Teil.

Jetzt muss ich den Moralapostel geben. Tut mir leid. Aber ich hab zu viele Leute in der Praxis gesehen, die dachten “beim Swinger ist ja jeder gesund”. Falsch. Absolut falsch.

Wie schützt man sich richtig?

Kondome sind Pflicht. In fast allen Clubs, auch in Milkersdorf, sind sie kostenlos erhältlich. Nutzen Sie sie. Auch beim Oralverkehr, wenn Sie wechselnde Partner haben. Klingt übertrieben? Vielleicht. Aber Herpes, HPV, Syphilis – die sind nicht wählerisch. Lassen Sie sich regelmäßig testen. Alle drei Monate, wenn Sie aktiv sind. Und reden Sie darüber. Im Club. “Ich bin sauber, letzte Woche getestet” – das ist ein Satz, der extrem entlastend sein kann. Und wenn jemand darauf komisch reagiert? Dann lassen Sie es. Wer Testgespräche scheut, scheut vielleicht auch Verantwortung.

Ich habe mal einen Urologen in Cottbus getroffen, der meinte, er hätte jeden Monat ein paar Swinger-Paare in der Praxis. Nicht weil sie krank waren, sondern weil sie zur Vorsorge kamen. Diszipliniert. Vorbildlich. Diese Leute haben verstanden, dass sexuelle Freiheit sexuelle Verantwortung braucht.

Der regionale Blick: Wie tickt die Szene in Brandenburg wirklich?

Anders als in Berlin. Ganz anders. In Berlin ist die Szene anonym, schnell, manchmal oberflächlich. In Brandenburg, in Cottbus, kennt man sich. Oder trifft sich immer wieder. Das hat Vorteile: Es entstehen echte Freundschaften. Man trifft sich nicht nur zum Sex, sondern auch zum Grillen, zum Bowling, zum Kindergeburtstag (ja, wirklich).

Und es hat Nachteile: Gerüchte verbreiten sich schnell. Die “Tante Emma”-Mentalität. Man muss damit leben können, dass einen der Bäcker am nächsten Morgen komisch anguckt, weil er dich abends im Club gesehen hat. Aber wissen Sie was? Meistens guckt er nicht komisch. Meistens zwinkert er nur. Weil er selbst da war.

Die Lausitz ist konservativ. Aber sie ist auch neugierig. Und sie ist vor allem eins: direkt. Die Leute hier sagen, was sie denken. Und wenn sie im Swingerclub sind, dann sind sie es mit einer Geradlinigkeit, die ich in keiner anderen Stadt erlebt habe. Kein Rumgeeiere. Kein falsches Schamgefühl. “Wir sind hier, weil wir Bock haben.” Punkt. Das ist Brandenburg. Das ist Cottbus. Ehrlich bis zur Schmerzgrenze.

Unsichere Gedanken: Ist das wirklich etwas für uns?

Ich höre diese Frage ständig. In meiner Praxis. In Kneipen. Auf der Straße. Die Antwort ist ein klares Jein. Machen Sie den Test. Setzen Sie sich hin. Jeder von Ihnen. Und schreiben Sie auf: “Was erhoffe ich mir? Was befürchte ich?” Dann tauschen Sie die Zettel. Schweigen Sie. Lesen Sie. Und dann reden Sie. Drei Stunden. Ohne Handy. Ohne Fernseher. Nur Sie, der andere und die nackte Angst und Hoffnung.

Wenn danach noch der Wunsch da ist, beide, gleich stark? Dann probieren Sie es. Aber machen Sie kleine Schritte. Gehen Sie erstmal nur hin. Nur zum Gucken. Ohne Erwartungen. Die meisten Clubs, auch Milkersdorf, erlauben das. Gehen Sie an die Bar. Trinken Sie ein Glas Sekt. Reden Sie mit anderen. Und dann fahren Sie nach Hause. Und vögeln wie die Weltmeister – nur zu zweit. Und dann, beim Frühstück, reden Sie wieder. Darüber, wie es war. Was komisch war. Was aufregend. Und dann, vielleicht, beim nächsten Mal… wer weiß?

So fängt es an. Nicht mit dem großen Tausch. Sondern mit dem kleinen Schritt aus der Komfortzone. Mit der Erkenntnis, dass man in Cottbus nicht nur wohnt, sondern lebt. Und dass Begehren keine Frage der Stadtgröße ist. Sondern der Größe des Mutes.

Ob ich selbst noch swinge? Nun… das ist eine andere Geschichte, für einen anderen Abend. Bei einem Glas Wein. In einer dieser schäbigen Kneipen. Kommen Sie doch mal vorbei. Wir reden. Und schweigen. Und vielleicht verstehen wir dann, warum wir bleiben. In Cottbus. In Beziehungen. In unserem eigenen Kopf. Prost.

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